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  • Guo Xialou: Stadt der Steine - Rezension - Roman

     

    Guo Stadt der Steine

    Guo Xialou: Stadt der Steine. Goldmann 2007 (2004 Village of Stone) 253 S.  ISBN 978-3442463305

    Die 27-jährige Carol findet eine Nachricht vor, dass sie ein Paket erhalten hat. Auf der Post wird ihr ein riesiger in Stoff eingenähter geräucherter Aal ausgehändigt. Genauso gesalzen, getrocknet und eingenäht wie es in ihrem Heimatdorf am ostchinesischen Meer traditionell getan wird. Carol hatte bisher das Leben einer Großstädterin geführt, in einer Videothek gearbeitet und mit ihrem Freund Red im Erdgeschoss eines 25-stöckigen Hochhauses gelebt. Doch mit dem Aal kommen die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit Stück für Stück zurück. Wie konnte sie ihre Kindheitserlebnisse so lange verdrängen? Carol wuchs bei ihren starrsinnigen Großeltern auf, die völlig mit dem ehelichen Kleinkrieg beschäftigt waren und ihre Enkelin nur am Rande wahrnahmen. Das Leben in dem abgelegenen Dorf war geprägt vom Fischfang, von häufigen Taifunen und von Aberglaube und Mythen, die sich auf Meer und Fischerei bezogen. Die Großmutter rief Carol "kleiner Hund"; denn ein Kind mit einem abstoßenden Spitznamen würde sicher nicht von der Meeresgöttin geraubt werden. Kleiner Hund konnte sich damals nicht vorstellen, das Dorf je zu verlassen; der einzige Weg zur restlichen Welt führte am Fahrkartenschalter des Bus-Bahnhofs vorbei.

    Die traumatischen Erlebnisse des Mädchens Carol wirken erdrückend. Versöhnt werden die Leser des Romans durch die genaue Schilderung des Dorfalltags in Chinas subtropischem Süden. Dass der Roman als Übersetzung einer Übersetzung nicht direkt aus dem Chinesischen ins Deutsch übertrgen wurde, hat mir weniger gut gefallen.

    Xiaolu Guo, geboren 1973 in einem Dorf am chinesischen Meer, ist in ihrer Heimat eine bekannte Filmemacherin und erfolgreiche Autorin. Seit 2002 hat sie auch einen Wohnsitz in London. "Stadt der Steine" ist der erste Roman, der im Westen erschien. Er wurde im April 2005 von der englischen Zeitung "The Independent" für den Foreign Fiction Prize nominiert.

  • Neidhart: Die Kinder des Konfuzius - Was Ostasien so erfolgreich macht - Rezension

    Neidhart_Kinder

    Neidhart: Die Kinder des Konfuzius. Herder 2008. ISBN 978-3451030062

    Christoph Neidhart, der Japan-Korrespondent der SZ, findet die Frage, warum die Staaten Ostasiens wirtschaftlich so erfolgreich sein konnten, falsch formuliert. Wer sich mit der Wirtschaftsgeschichte Chinas, Japans und der Tigerstaaten Vietnam und Korea beschäftige, müsse stattdessen fragen, wie es zum Niedergang von Volkswirtschaften kommen konnte, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert wirtschaftlich erfolgreicher waren als die Staaten Europas. Beim wirtschaftlichen Aufstieg der Gegenwart handele es sich tatsächlich um einen Wiederaufstieg von Nationen, die Europa in der Vergangenheit kulturell überlegen waren. Neidhart konstatiert bei uns Europäern eine einseitige Sicht auf Asien, die die wirtschaftliche Überlegenheit fernöstlicher Staaten schlicht ignoriere. Auch die in Europa übliche wenig aussagefähige Erklärung wirtschaftlicher Erfolge durch "den Konfuzianismus" behagt Neidhart wenig.

    Neidhart konzentriert sich in seiner Darstellung auf die Sinosphäre, auf jene Staaten, die konfuzianisch geprägt sind und in denen chinesisch geschrieben wird: Japan, China mit Hongkong, Taiwan, Korea, Vietnam und Macao. Der Autor erweitert unseren gewohnt eingeschränkten Blick aus europäischer Perspektive, indem er für jedes der genannten Länder einen kurzen Abriss der Geschichte und der Wirtschafts-Geschichte liefert und anschließend auf wirtschaftliche und familiäre Verknüpfungen zwischen den nach innen heterogenen Staaten Asiens eingeht. Am Beispiel des "ernsten" und "losen" Geldes erklärt Neidhart, wie der chinesische Kapitalismus, das System familiärer Kredite und Unterstützung, kurz die chinesische Gesellschaft funktioniert. Der chinesische homo oeconomicus finanziert mit dem "ernsten" Geld seinen Lebensunterhalt, das "lose" Geld kann gespart oder investiert werden. Meine (nicht chinesische) Großmutter wirtschaftete auch nach diesem System. Sie war in kleinen Dingen knickerig, in großen Dingen großzügig und sparte Kleinbeträge, um damit großzügig die Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren. Auch in China wird um Kleinbeträge erbittert gefeilscht, während bei einer Sparquote von 40% Kapital in großen Mengen angespart worden ist, um damit glanzvolle Hochzeiten, die Ausbildung eines einzigen Kindes oder die Gründung eines kleinen Geschäfts zu finanzieren.

    Der Autor füllt Wissenslücken in Bezug auf die Wirtschaftsgeschichte Asiens und erläutert, dass China schon ein kapitalistisches System nach den Regeln von Angebot und Nachfrage kannte, als davon in Europa noch keine Rede sein konnte. Chinas Wirtschaft des 18. Jahrhunderts sei von wendigen Arbeitskräften geprägt gewesen, die flexibel den Arbeitsplätzen ins aufstrebende Perlfluss-Delta folgten. Die verbreitete Unkenntnis der Wirtschaftsgeschichte Asiens erklärt Neidhart damit, dass Händler in China geringes Prestige genossen und deshalb von der Geschichts-Schreibung kaum beachtet wurden.

    Die Wirtschaftsgeschichte des damals stärker als Europa industrialisierten und urbanisierten Indiens verfolgt Neidhart bis zurück ins 16. Jahrhundert. Japan habe schon im 18. Jahrhundert einen hohen Lebensstandard und ein dem Westen überlegenes Gesundheitssystem gehabt. Europa sei damals die Dritte Welt der Neuzeit gewesen, die Europäer hätten sich in Asien wie Barbaren aufgeführt. Die wirtschaftliche Entwicklung Ostasiens beschreibt Neidhart mit dem in Japan verbreiteten Bild des "Flugs der Wildgänse". Eine Leitgans oder auch wenige kräftige Tiere starten und ermöglichen den schwächeren Tieren, in ihrem Windschatten mit aufzusteigen. Mit dem System Wildgans habe das besiegte Japan nach dem Zweiten Weltkrieg seine Nachbarn zuerst mit Reparationen, später durch Investitionen und Wirtschaftshilfe mitgezogen.

    Der Autor stellt die wirtschaftliche Entwicklung Hongkongs, Taiwans und Koreas vor und entwickelt Unterschiede und Gemeinsamkeiten asiatischer Wirtschaftssysteme. Neidhart definiert Asiaten als Menschen mit Gruppensinn, die bereit seien, auf persönliche Freiheiten und individuelle Bequemlichkeit zu verzichten und sich in Hierarchien einzufügen. Diese Eigenschaften würden frühzeitig durch eine Erziehung angelegt, die bei Kindern akademische, soziale und moralische Kompetenzen gleichermaßen fördere. Ein weitere Stärke asiatischer Gesellschaften sieht Neidhart in ihren "connected cultures" mit gegenseitigen Verpflichtungen, deren Zusammenhalt funktioniere wie der in einer klassischen Dorfgemeinschaft. Extremer Gegensatz dazu seien "unconnected cultures" wie die USA, in der es kaum gegenseitige Verpflichtungen gäbe. Schließlich geht Neidhart der reizvollen Idee nach, ob eine gemeinsame Währung nach Vorbild des Euro in Asien denkbar ist und fragt kritisch, welche Entwicklung die Wirtschaft Chinas nach Beendigung der Olympischen Spiele nehmen wird.

    Christoph Neidhart füllt mit seiner kompakten, leicht lesbaren Darstellung eine Lücke in unserem historischen Wissen über die Staaten Ostasiens. Der Autor lenkt den Blick seiner Leser von der gewohnten punktuellen Wahrnehmung von Einzelerscheinungen wie Markenpiraterie und Billigwaren hin zu wirtschaftlichen Zusammenhängen und möglichen Szenarien der Zukunft. Neidharts Analyse gründet sich auf Untersuchungen japanischer und amerikanischer Autoren, von denen ein großer Teil aus den Jahren 2000 bis 2006 stammt. Das in Asien übliche bildhafte Denken, wie im Beispiel vom steigenden Wasserstand (des Wirtschaftswachstums), der alle Boote anhebt, erleichtert auch europäischen Lesern das Verständnis der Zusammenhänge. Ein empfehlenswerter Überblick, der nach meinem Geschmack noch stärker auf wirtschaftliche Verbindungen innerhalb Asiens hätte eingehen können.

    Herder 2008. ISBN 978-3451030062

  • Wei Liang: Jadeauge - Rezension - Krimi

    Wei_Jadeauge

    Wei Liang: Jadeauge. List 2008. ISBN 978-3471791721

    Beijings erste Privat-Detektivin
    Wang Mei hat ihren gut bezahlten Posten im Beijinger Ministerium für Öffentliche Sicherheit aufgegeben, um als selbständige private Ermittlerin zu arbeiten. Meis Schwester Lu führt im Vergleich zu ihrer Schwester ein sorgenfreies Leben im Luxus. Obwohl Lu über die Entscheidung Meis für die berufliche Selbständigkeit die Nase rümpft, führt sie ihre Schwester zumindest in die Grundkenntnisse chinesischen Geschäftslebens ein, das Geheimnis der guanxi, der gegenseitigen Verpflichtung. Bei einem Klassentreffen wird Mei an ihre alte Liebe Yaping erinnert und an die Träume ihrer Generation von Ansehen, Einfluss, einer Wohnung und einem eigenen Auto. Onkel Chen, ein Bekannter von Meis Mutter, beauftragt die junge Privatdetektivin mit der Suche nach einem 1000 Jahre alten Jadesiegel, das er davor bewahren möchte, an einen zahlungskräftigen Ausländer verkauft zu werden. Mei ermittelt in den Antiquitätengeschäften der Liulichang und kommt schnell einem Verdächtigen auf die Spur. Doch noch ehe Mei bei ihren Ermittlungen weitere Schuhsohlen verschleißen kann, erleidet Meis Mutter Ling Bai einen Schlaganfall und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Mei muss sich nun endlich mit dem komplizierten Verhältnis zu ihrer Mutter und mit den Erlebnissen ihrer Familie während der Kulturrevolution auseinander setzen. Da auch ihre Ermittlungen zu Ereignissen der Vergangenheit führen, fragt sich Mei, welcher einflussreiche Zeitgenosse eigentlich so großzügig für die Behandlung Ling Bais zahlt und welche Zwecke der Unbekannte damit verfolgt.

    Der Aufklärung eines Falls von verdächtigen Geschäften mit Antiquitäten nimmt in Diane Wei Liangs Roman verglichen mit der Schilderung von Meis Familienverhältnissen relativ wenig Raum ein. Die Autorin erweist sich als genaue Beobachterin des Alltags in Beijings Altstadtgassen, wie auch der Welt der Neu-Reichen und Schönen. Den Alltag der kleinen Leute, der Kellner, Händler und Pförtner schildert Wei Liang auf sympathische Art und mit Einfühlung in die Lebenswelt durchschnittlicher Chinesen. Der Lebensstil der so unterschiedlichen Schwestern Wang verdeutlicht drastisch den Unterschied zwischen Arm und Reich im modernen China. Wei Liang gelingt es außerordentlich treffend, mit wenigen kompakten Sätzen die Atmosphäre Beijings in den 90er Jahren zum Leben zu erwecken, der Zeit kurz vor der Rückkehr Hongkongs zum chinesischen Mutterland. Für einen Kriminalroman wirkt das Privatleben Meis etwas zu stark ausgearbeitet und die Erinnerungen an die Kulturrevolution etwas zu ausführlich. Sollte Wei Liang weitere Romane mit der freiheitsliebenden Ermittlerin Wang Mei geplant haben, ist ihr mit ihrem ersten Buch die Bindung ihrer Leser an die sympathische Ermittlerin bereits gelungen.

  • Rabinowitz: Auf verbotenen Pfaden - Durch den hohen Norden Myanmars - Rezension

    Als Leiter des Asien-Programms der amerikanischen Wildlife Conservation Society war der Wildtier-Zoologe Rabinowitz der erste Ausländer, der den nördlichsten Ort Myanmars im Grenzgebiet zwischen China, Tibet und Indien im Rahmen einer offiziellen Expedition besuchen durfte. Bis zu Rabinowitz Marsch in den hohen Norden war Ausländern der Zutritt zu Myanmars ausgedehnten Wäldern verboten. Rabinowitz vermutete dort die letzten Exemplare von Tigern, asiatischen Elefanten und Sumatra-Nashörnern. In den 90ern benötigte die Militärregierung Geld und drängte auf Abholzung der ausgedehnten Teakholzbestände. Wenn Rabinowitz etwas für den Naturschutz in Myanmar erreichen wollte, wurde es im Jahr 1993 also höchste Zeit. Der Amerikaner wird als inoffizieller Berater des Forstministeriums zugelassen und bereitet zunächst die Errichtung von Myanmars erstem Meeres-Nationalpark auf der Insel Lampi vor. In den dünn besiedelten Norden des Landes marschierte man damals zu Fuß; Rabinowitz rüstet also eine gemeinsame offizielle Expedition mit Zoologen, Forstleuten, Begleitern der Armee und über 100 Trägern aus. Vom kleinen Ort Putao machen sich Wissenschaftler, Träger und Maultiere auf, um an der Nordgrenze des Landes die letzten Taron, Angehörige eines Pygmäenstammes zu treffen. Auch das Volk der Rawang, das unter ungünstigen Bedingungen mühselige Tagesmärsche zu seinen Feldern zurücklegen muss, hat vorher vermutlich noch nie so viele Menschen gesehen.

    Auf den Märkten bestimmt der Zoologe Felle und Hörner von endemischen Huftierarten; an den Küchen-Feuern der Dorfbewohner lässt er sich über Schneeleoparden, Wölfe, Luchse und Bären erzählen. Rabinowitz hat sein Ziel, die Errichtung eines Nationalparks im nördlichen Myanmar stets fest im Blick, verliert aber nie die Lebensbedingungen der Menschen aus den Augen. Die einheimischen Jäger töten eine geringe Anzahl von Tieren als Nahrung, eine größere - das Überleben der Arten gefährdende - Zahl jedoch, um Tierbestandteile an chinesische Händler zu verkaufen. Vom Erlös kaufen oder tauschen die Bewohner Salz; denn in Nord-Myanmar gibt es keine natürlichen Salzvorkommen. Rabinowitz entwickelt gemeinsam mit seinem engsten Mitarbeiter Khaing den Plan Naturschutz durch Salzverkauf. Diese spontane Idee und Rabinowitz Beharrlichkeit führen schließlich 1998 zur Gründung des Hkakabo-Razi-Nationalparks. Rabinowitz wird dafür sorgen, dass die wenigen Bewohner der abgelegenen Dörfer solange Salz zu einem sehr günstigen Preis kaufen können, wie Natur und Tiere geschützt werden.

    Der Autor schildert sehr anschaulich den bürokratischen und logistischen Umfang seiner Vorbereitungen. Weil die Dorfbewohner im Norden nicht genug Nahrungsmittel haben, um so viele Menschen zu versorgen, müssen die Reisvorräte für eine Periode von mindestens 6 Wochen von Trägern zum Ziel geschleppt werden. Sehr nachdenklich macht die Schilderung des Übersetzungsweges, zum Beispiel übersetzt Khaing in einem Dorf vom Englischen in Birmanische, ein Dorfbewohner ins Rawang und ein weiterer in den Htalu-Dialekt. Rabinowitz hat so oft auf die schrittweise Übersetzung gewartet, dass er sich zum Ende seines Aufenthaltes häufig ohne Übersetzung auf seinen Instinkt verlassen kann.

    Rabinowitz fesselnder Expeditionsbericht (2001 unter dem englischen Titel Beyond the last Village erschienen) gibt Einblick in den Alltag kleiner vom Aussterben bedrohter Volksstämme im Norden Myanmars und erzählt von Forschern, die stoisch Fußpilz, Mücken und Durchfall ertragen, um einige Hundert seltene Tier- und Pflanzenarten zu bestimmen.

    National Geographic 2007. ISBN 978-3894058272

  • Tran-Nhut: Das schwarze Pulver von Meister Hou - Ein Kriminalfall für Mandarin Tan - Rezension

    Von Mandarinen, Eunuchen und Alchimistinnen

    Läuft im Vietnam des 17. Jahrhunderts eine Dschunke mit wertvoller Ladung auf Grund und sinkt anschließend, fragt man sich, wer daraus einen Nutzen ziehen könnte. Finden sich an Bord der Dschunke später die Leichen zweier Frauen, wird die Havarie zum Kriminalfall. Mandarin Tân in der Funktion des Richters, sein Freund, der Schriftgelehrter Diem, und Doktor Porc, der die Leichen obduziert, ermitteln gemeinsam. Das Ermittler-Trio sieht sich mit übersinnlichen und fantastischen Ereignissen in der nord-vietnamesischen Hafenstadt Hai-Phong konfrontiert. Kurz darauf ist ein weiterer Todesfall zu beklagen, dieses Mal hat es den Grafen Diêm getroffen, den Bruder des Hafenmeisters. In Thran-Nuts farbenprächtiger Handlung erscheinen eine Madame Eisenhut in der Rolle der Gefängniswärterin, die über profunde alchimistische Kenntnisse verfügt, der Jesuit Hsin-tung als Vertreter westlicher Interessen und der verheiratete Eunuch Clemens in der Funktion des Hafenmeister. Der rege Handel in Tran-Nhuts fantastischer Kriminalkomödie zwischen dem nördlichen Landesteil und China mit kostbaren Stoffen, seltenen Hölzern, Perlen, Edelsteinen, Parfum und Arzneimitteln wirft erneut die Frage nach den Nutznießern auf. Die Anwesenheit des Jesuiten Hsin-tung repräsentiert das damalige Interesse europäischer Staaten an Wirtschaftsbeziehungen. Lokale Würdenträger gleiten durchs Bild und drücken sich ihrer Position entsprechend formvollendet aus. Überaus selbstkritisch entlarvt der Jesuit Hsin-tung das komplizierte Verhältnis zwischen Einheimischen und ausländischen Händlern während der beginnenden Öffnung Vietnams gegenüber dem Westen.

    Äußerst merkwürdige Vorgänge auf dem Friedhof des kleinen Ortes beunruhigen die Bevölkerung. Mandarin Tân ermittelt im Stil des chinesischen Richters Di und schreckt als nüchterner Konfuzianer dabei weder vor Geistern noch vor unappetitlichen Auswüchsen der Alchimie zurück. Bis zur Lösung des Falls Dschunke und des Falls der toten Frauen wird die Geduld des Lesers mit einer inhaltlich und stilistisch anspruchsvollen Handlung herausgefordert. Das Autorinnen-Duo lässt seine Leser lange Zeit unwissend durch übersinnliche Vorkommnisse tappen, die sie ironisch mit populären Volks-Mythen verknüpfen, ehe das Geheimnis des schwarzen Pulvers endlich gelöst wird. "Das schwarze Pulver von Meister Hou", der dritte Band um den vietnamesischen Mandarin Tân, erscheint in Deutschland als erstes Buch der Schwestern Thran-Van Tran-Nhut und Kim Tran-Nhut.

    Unionsverlag 2010. ISBN 978-3293204799

  • Richman: Der Sohn des Maskenschnitzers - Rezension

    Maskenschnitzer, Noh-Theater und europäische Malerei

    Kiyoki Yamamotos Lebensweg ist vorgezeichnet: als Sohn des berühmten Maskenschnitzers Ryusei und als Enkel eines Noh-Schauspielers soll er das väterliche Handwerk lernen. Im Japan der Meiji-Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts haben Söhne zu gehorchen und Töchter Söhne zu gebären. Eine eigene künstlerische Entwicklung von Kiyokis begabter Mutter war undenkbar. Kiyoki hat das Zeichentalent seiner Mutter geerbt und interessiert sich seit seiner Jugend für den Stil europäischer Maler. Zwischen 1870 und 1883 hatte es eine kurzfristige Öffnung Japans gegenüber der restlichen Welt gegeben, Wissenschaftler und Ingenieure sollten im Westen studieren.

    Ryusei erlebt währenddessen den Niedergang des Noh-Theaters und arbeitet schließlich unbezahlt für einen langjährigen Kunden, der sich die Arbeit des Maskenschnitzers längst nicht mehr leisten kann. Der traditionsbewusste Kunsthandwerker kann sich weder von seiner Erziehung zu hierarchischem Denken lösen noch das Talent seines Sohnes erkennen.

    Kiyoki erhält die Chance, in Frankreich ein 5-jähriges klassisches Kunststudium zu absolvieren mit Unterricht in Anatomie und einem Studium der "alten Meister" im Louvre. Die Forderung seines Lehrmeisters, einen eigenen Stil zu entwickeln, kann er nicht erfüllen. Für ihn ist ein Künstler ein sorgfältiger Kopierer großer Meister. So schwer wie ihm die französische Sprache und das Eingewöhnen in Paris gefallen war, so fremd fühlt er sich nach seiner Rückkehr nach Japan.

    Angeregt durch die Biographien japanischer Kunst-Studenten, die nach Frankreich reisten, stellt die Autorin einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt dar und beschreibt die Isolierung Japans am Beispiel eines jungen Mannes, der sich nirgendwo hin gehörend fühlt.

    dtv 2002. ISBN 978-3423242844

  • Kynge: China - Der Aufstieg einer hungrigen Nation - Rezension

    Chaotische Zeiten bringen Helden hervor

    Als Folge des Niedergangs der deutschen Stahlindustrie wurde im Jahr 2001 das Stahlwerk Phoenix der Firma Thyssen-Krupp in Dortmund-Hörde stillgelegt. Den modernsten der drei Hochöfen kaufte die chinesische Firma Shagang zum Altmetallwert, baute ihn in China wieder auf und nahm ihn wieder in Betrieb. Die Kosten für den Investor betrugen 60% der Kosten einer Neuanlage, der Wiederaufbau der vorhandenen Anlage ließ sich in erheblich kürzerer Zeit bewerkstelligen als ein Neubau. Am bekannten Beispiel des Phoenix-Hochofens untersucht James Kynge Chinas Einfluss auf die Welt-Wirtschaft. Kynge stellt mit dem Firmeninhaber Shen Wenrong einen erfolgreichen chinesischen Privat-Investor vor, dessen Karriere für China nicht ungewöhnlich ist. "Chaotische Zeiten bringen Helden hervor" konstatiert Kynge. Die Erfolgsgeschichte der Firma Shagang stützt Kynges These, dass die wirtschaftliche Entwicklung Chinas in den letzten beiden Jahrzehnten nicht allein das Werk Deng Xiao Pings sei, sondern durch eine Reihe von Zufällen vorangetrieben wurde. Kynge misstraut zwar linearen Vorhersagen, vermittelt seinen Lesern jedoch genügend Hintergrundwissen, um die weitere Entwicklung zumindest ahnen zu können. Beim Thema chinesische Billig-Artikel hält Kynge sich nicht mit plakativen Kurzmeldungen auf, sondern analysiert nüchtern den Preisverfall chinesischer Waren, die für wenig mehr als den Materialwert verkauft werden. Dies anhaltende Wertminderung in China produzierter Waren sieht Kynge als Vorboten politischer und sozialer Veränderungen.

    Als drastisches Beispiel globaler Verschiebungen dient dem langjährigen China-Korrespondenten der Financial Times die italienische Stadt Prato, in der inzwischen 20 000 chinesische Einwohner Textilien herstellen oder als Inhaber von Textil-Unternehmen in China produzieren lassen. Der für Europa überraschende Aufstieg von 1700 ungelernten Arbeitern zu 1700 Firmeninhabern hat laut Kynge nur diejenigen überraschen können, die nichts über Wenzhou, die Heimat der Einwanderer wissen. Am Beispiel des wirtschaftlichen Niedergangs der Stadt Rockford/Illinois in den Jahren 2003 bis 2004 demonstriert Kynge die Transferstrategie "Trojanisches Pferd", bei der chinesische Investoren marode Unternehmen aufkaufen und Technologien oder Markennamen als willkommene Zugabe ansehen. Man könnte diese Entwicklung auch Prinzip Wal-Mart nennen; denn die Arbeitsplätze werden meist nach China verlagert, die billig aus China in die USA importierten Produkte bei Wal-Mart von Kunden gekauft, die zuvor ihren Job verloren haben. Kynge beschränkt sich jedoch nicht auf die bekannten Hiobsbotschaften, er erläutert die in langen Zyklen verlaufende chinesische Geschichte und warnt vor der Fehleinschätzung westlicher Leser "Chinesen können nur billig".

    Plastisch listet Kynge die erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten auf, mit denen Gewinne chinesischer Betriebe erkauft sind: Wassermangel, Versteppung, Gesundheitsschäden durch Umweltverschmutzung und eine hohe Rate tödlicher Arbeitsunfälle. Über Proteste auf nationaler Ebene gegen Auswüchse des unkontrollierten chinesischen Kapitalismus hinaus prophezeit der Autor auch internationale Konflikte zwischen dem zweitgrößten Verursacher von Treibhausgasen und dem Rest der Welt. Der Autor analysiert Auswirkungen der Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und seinen Rohstoff-Lieferanten Sudan und Usbekistan auf internationaler Ebene. Schließlich widmet Kynge sich ausführlich dem Phänomen "Bildung als Ware", das Schulleitungen englischer Privatschulen schon vertrauter zu sein scheint als deutschen Schulen und Hochschulen.

    Kynges Leser profitieren von seinen guten Chinesisch-Kenntnissen und seiner langjährigen Verbundenheit mit China. Der Abbau des Hochofens in Hörde, die Textil-Industrie unter chinesischer Flagge im italienischen Prato und das Schicksal der Gemeinde Rockford/USA waren im Prinzip bekannt, nicht jedoch die genauen Hintergründe und die weiteren Auswirkungen. Der Korrespondent der Financial Times schreibt Wirtschaftsgeschichte in beeindruckenden persönlichen Portraits, die seine Achtung gegenüber seinen Gesprächspartnern deutlich machen. Kynges Texte entfalten ihre besondere Wirkung, indem sie anhand konkreter Schicksale (Frau X verlor durch korrupte Kader ihr Haus, ihr Land oder ihre Zukunftschancen) generelle Entwicklungen darstellen (Chinas Wirtschaftswachstum ist durch Korruption auf allen politischen Ebenen bedroht).

    Ein ausgezeichnetes, sorgfältig recherchiertes Sachbuch, das anhand von Ereignissen der Jahre 2001 bis 2004 Chinas wirtschaftliche Entwicklung im internationalen Zusammenhang analysiert.

    Murmann 2006. ISBN 978-3938017609

  • Delisle: Shenzhen - Comic

    Wenn du nicht Chinesisch sprichst, verstehst du sie nicht,
    und wenn du Chinesisch sprichst, verstehst du sie auch nicht.

    Der Frankokanadier Guy Delisle kam 1997 in Chinas Sonderwirtschaftszone Shenzhen, um im Animationsstudio einer belgischen Firma bei der Herstellung eines Zeichentrickfilms mitzuwirken. Delisles in düsteren Kohlezeichnungen gehaltenes Comic-Tagebuch (mit eigenem Lesezeichen) vermittelt des Zeichners persönliche sprachliche Isolation, seine Alltagserlebnisse im Studio und die klaustrophobische Enge einer chinesischen Großstadt. Der Ich-Erzähler wird mit einer Dolmetscherin ausgestattet, die er kaum als Hilfe, eher als Kommunikationsbremse empfindet. In der Begegnung mit Einheimischen, die ihr Englisch erproben möchten - oder was auch immer sie von einem Ausländer erwarten - präsentiert sich Delisle die sehr weite Spannbreite, die der Begriff Englische Sprache in Asien umfassen kann. Doch selbst Ausländer mit guten Chinesisch-Kenntnissen fühlen sich in Shenzhen ähnlich isoliert wie der junge Trickfilm-Produzent. Mit der Darstellung des chinesischen Alltags erzielt Guy Delisle bei Lesern mit China-Erfahrung einen hohen Wiedererkennungswert. Vom Kampf mit der Speisekarte bis zur Überzeugung, im Hotelzimmer abgehört zu werden - Delisle spießt markante China-Erfahrungen mit der spitzen Feder des Zeichners auf. Nicht nur beim fehlenden Kanaldeckel, der für eine einträglichere Aufgabe benötigt wird, als bloß einen banalen Schacht abzudecken, und in der unendlichen Geschichte chinesischer Toiletten ist komplizenhaftes Augenzwinkern des Autors zu spüren. Hinter seinem zunächst düsteren Eindruck verbirgt das kleinformatige Comic-Tagebuch "Shenzhen" Treffendes aus dem Leben eines Ausländers in China.

    Reprodukt 2005. ISBN 978-3938511077

  • Das: Königreich in den Wolken - Reise

    Grosse Erwartungen an die Physiotherapeutin aus dem Westen

    Britta Das Vater hatte seine Tochter mit seiner Begeisterung für Bhutan angesteckt. Nach einer gemeinsamen Reise entschloss die Physio-Therapeutin sich zu einem freiwilligen sozialen Jahr im kleinen Krankenhaus von Mongar. Die freiwillige Helferin muss sich in eine ihr nicht immer einsichtige Hierarchie im Krankenhaus einfügen und stößt im Kontakt zu ihren Patienten an kulturell bedingte Grenzen, die sich nicht allein mit Übersetzungsproblemen erklären lassen. Brittas Stütze in ihrer täglichen Arbeit ist Pema, die von der deutsch-kanadischen Helferin zur Physio-Therapeutin ausgebildet werden soll. Pema übersetzt zwischen Britta und den Patienten und vermittelt Einblick in die Lebensverhältnisse der Menschen. Britta muss bei einigen Patienten die Hoffnung auf Heilung enttäuschen. Sie fühlt sich oft beschämt von der herzlichen Gastfreundschaft in Bhutan und erkennt unter einfachsten Lebens- und Arbeitsbedingungen, wie privilegiert sie selbst bisher gelebt hat. Brittas Patienten leiden unter den Folgen angeborener Behinderungen, die bis dahin in Bhutan nicht therapiert werden konnten, unter Rheuma und unter Auswirkungen schwerer körperlicher Arbeit. Die Autorin berichtet sehr ausführlich über das Schicksal eines kleinen Mädchens mit Spina bifida und über eine Patientin, die durch die Folgen einer schweren Verbrennung erheblich behindert ist. Am Beispiel von Pemas geistig behindertem kleinen Sohn wird deutlich, wie aufwändig und kostspielig Arztbesuch und Diagnose für Kranke in Bhutan waren. Die Reise mit dem Kleinen zu einem Arzt nach Indien dauert in einer Richtung allein schon zwei Wochen, so dass Pema mehr als einen Monat mit ihm unterwegs ist. Britta erkennt, warum viele Patienten viel zu früh entlassen werden wollen: sie können sich die Krankenhauskosten nicht leisten und müssen sich dringend um ihre kleine Landwirtschaft kümmern. Britta Das Bericht hinterlässt den Eindruck, dass die junge Frau sich auf ihr Reiseland persönlich und beruflich ungenügend vorbereitet hat. Die Patientengeschichten, die ebenso viel Raum im Buch einnehmen wie die Beschreibung des Landes, wirken für eine Autorin mit medizinischen Kenntnissen wenig fachkundig formuliert.

    Britta Das "Königreich in den Wolken" hat mich weniger begeistert als Zeppas Mein Leben in Bhutan: Als Frau im Land der Götter . Jamie Zeppas Warmherzigkeit und Liebe zu Bhutan spricht aus jeder Zeile ihres Buches, während der Funke zu Britta Das Erinnerungen an Bhutan nicht übergesprungen ist.

    National Geographic Taschenbuch 2005. ISBN 978-3442711369

  • Chen: Lian - Kinderbuch

    Der Fischer Herr Lo lebt und arbeitet auf einem Sampan, einem flachen Boot mit geflochtenem Hausboot-Aufbau. Herr Lo hat schon lange keine Fische mehr gefangen, als er eines Tages eine gebeugte alte Frau in farbenprächtiger Kleidung über den See stakt. Als Bezahlung für den Fährdienst bekommt Herr Lo von der uralten Frau Samenkörner aus dem Rachen eines Drachen. Es sind Lotussamen, aus denen schon bald ein ganzes Lotusfeld sprießt. Eines Nachts hört Herr Lo aus einer dieser Lotusblüten Gesang, die Blüte öffnet sich und gibt den Blick frei auf ein winziges Mädchen im roten Kleid. Lian tanzt mit einem Lotusstängel in der Hand förmlich durch die Luft. Lian kann mit ihrer Lotus-Blüte zaubern; sie verwandelt Herrn Los sehr bescheidenes Boot in ein prächtig rot lackiertes Schiff. Die Zauberblüte deckt Herrn Los Tisch mit leckeren Speisen, kleidet ihn in kaiserliches Gelb und sorgt dafür, dass immer genug Fische im See sind. Dass Herr Lo das ganze Dorf mit Fisch versorgen kann, bleibt nicht lange verborgen. Tan, die habgierige Tochter des Präfekten, beansprucht Lian für sich allein. Herr Lo, der Lian schützen will, wird von Kriegern des Präfekten gefangen genommen. Unterstützt durch einen Rat der weisen alten Frau gelingt es Lian, Herrn Lo zu retten. Und wenn sie nicht gestorben sind, fischen Herr Lo und sein Adoptivkind noch heute von ihrem einfachen Sampan aus.

    Chen Jianghong hat inzwischen in Deutschland fünf Bilderbücher mit Motiven der chinesischen Kultur veröffentlicht. Wie Andersens Däumelinchen thront die winzige Lian in einer Lotusblüte; sie wirkt auf uns fremd und vertraut zugleich. Lians Geschichte scheint trotz der farbenfrohen chinesischen Tuschezeichnungen mitten aus dem europäischen Märchenschatz zu stammen. Wir kennen aus uns bekannten Märchen elternlose Kinder, die eine neue Heimat finden, den durch Zauberkraft gedeckten Tisch und auch die Habgier der Präfektentochter. Die Illustrationen sprechen durch den starken Kontrast zwischen Erdtönen und Primärfarben an. Chen arbeitet mit kräftigem kaiserlichem Gelb und glückbringendem Rot, Farben, die Kindern gefallen. Die Kleidung der Präfektentochter in kostbare blaue Gewänder, blau steht für die Farbe des Himmels und der Unsterblichkeit, werden Leser gleich als anmaßend empfinden, denen die chinesische Farbsymbolik vertraut ist. Aller Prunk hat am Ende nur Kummer gebracht und zu guter Letzt sind Herr Lo und Lian wieder zum einfachen Leben, zu den Erdtönen des Flusses und des Sampans zurückgekehrt. Durch Lians rotes Kleid hat nicht nur die Flusslandschaft einen Farbtupfer erhalten, Herr Lo hat nun eine kleine Tochter.

    Moritz 2009. ISBN 978-3895651847

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